Springer-Chef Mathias Döpfner hat heute der Briefdienst-Tochter Pin den Geldhahn zugedreht. Begründung: Der vom Bundestag beschlossene Mindestlohn mache alle Gewinnaussichten zunichte. Tatsächlich aber liegen die Gründe für den geplanten Ausstieg woanders.
Berlin - Mathias Döpfner hat die Lust am Postgeschäft verloren. Der Verlag werde Pin kein zusätzliches Geld mehr zur Verfügung stellen, ließ der mächtige Springer-Chef heute mitteilen. Verantwortlich dafür sei die Politik mit ihrem Beschluss für einen Mindestlohn in der Postbranche. Dieser biete der Post die wirksame Möglichkeit, ihr Monopol gegen jeden Wettbewerber zu verteidigen.
Auch die Geschäftspartner haben aus der Perspektive des Axel-Springer-Chefs ihren Teil dazu beigetragen, den Spaß an dem zukunftsträchtigen Geschäft zu verleiden. Während Springer Millionen nachgeschossen habe, um den laufenden Betrieb zu gewährleisten, hätten diese jede weitere Zahlung verweigert.
Kurzum: Nachdem alle anderen nach Ansicht des Springer-Chefs das Geschäft verdorben haben, stellt Döpfner das Engagement bei der Pin Group zur Disposition. Axel Springer sei bereit, die Mehrheit abzugeben, wenn die neuen Hausherren ausreichendes Geld mitbringen. Am Ende könnten sich die Verlagsoberen mit einer 20-Prozent-Beteiligung zufriedengeben.
Bei Lichte betrachtet, erscheint der verbale Rundumschlag aber eher wie eine Ausrede, um sich ohne Gesichtsverlust aus einem Geschäft verabschieden zu können, das die Springer-Leute nie wirklich in den Griff bekamen. Bis heute ist es dem Pin-Chef Günter Thielen nicht gelungen, den Postdienstleister zu einem schlagkräftigen Konkurrenten der Post zu formen.
Nach wie vor besteht Pin aus einer Vielzahl kleiner regional ausgerichteter Unternehmen, an denen die Pin Group jeweils einen Mehrheitsanteil besitzt. Zwar arbeiten einzelne zur Gruppe gehörende Unternehmen erfolgreich, wie etwa in Berlin oder München. Doch von einem flächendeckenden Netzwerk, das zuverlässig nach einheitlichen Standards arbeitet, ist es noch immer meilenweit entfernt.
Pin-Projekt als Chefsache
Dabei hatte Döpfner das Projekt einst zur Chefsache gemacht. Mit Rudolf Knepper zeichnete sein Stellvertreter höchstpersönlich dafür verantwortlich. Logistik- und Vertriebsleiter Karsten Böhrs übernahm die Rolle des Springer-Statthalters im operativen Geschäft der Pin-Holdinggesellschaft in Luxemburg.
In Bayern jedoch sind die strategischen Fehler der Pin-Manager gleichsam wie durch ein Brennglas zu beobachten. Dort verfügt Pin bereits seit längerer Zeit über ein dicht geknüpftes Netzwerk, das auf einer Reihe von Kooperationsverträgen mit unabhängigen, regionalen Dienstleistern aufbaute. Dazu gehörten etwa die in Fürstenfeldbruck und Dachau aktive Oberbayern Mail, die Logistic Mail Factory in Augsburg und der PSD in Nürnberg - allesamt Tochtergesellschaften der ortsansässigen Regionalverlage.
Die Zusammenarbeit mit Verlagen erschien den Springer-Managern allerdings auf die Dauer zu mühsam. Statt sich in ewig langen Diskussionen mit den Partnern immer neu abzustimmen, versuchten sie, hinter deren Rücken eigene Versandstrukturen aufzubauen - ein Vorgang, der bei den Betroffenen noch heute ungute Erinnerungen weckt: “Es war schon etwas befremdlich, dass Pin Mail in der täglichen Zusammenarbeit den loyalen Vertragspartner gab, und gleichzeitig Räume für neue Verteilzentren suchte und Leute abwarb”, erinnert sich der Geschäftsführer eines der Dienstleister.
Pin-Sprecherin Mandy Simon hält diese Reaktion jedoch für allzu sensibel: “Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir ein Netzwerk unter eigener Regie anstreben. Anders wären einheitliche Standards gar nicht durchzusetzen.”
Die Regionalfürsten in den Verlagen hatten für die Strategie der Pin allerdings wenig Verständnis. Sie setzten sich mit allen Mitteln zur Wehr - und sie hatten Erfolg damit. In Fürstenfeldbruck und Dachau zum Beispiel musste Pin zwei Depots nach kaum vier Wochen schon wieder schließen. Das sei im Zuge der Konsolidierung geschehen, begründet Simon den Schritt. “Das passiert, wenn man schnell wächst.”
Von Wachstum in der betreffenden Region konnte aber keine Rede sein, lästert die Konkurrenz. “Springer hatte einfach zu spät erkannt, dass es keinen Sinn macht, gegen die Lokalmonopolisten vor Ort und, nicht zu vergessen, die Post anzutreten. Das sind Schlachten, die sie nicht gewinnen können”, erklärt ein Manager. Am Ende habe die Offensive sogar nachhaltigen Schaden angerichtet. Denn die Vertrauensbasis zu den Partnern sei in vielen Fällen erschüttert.
Post als übermächtiger Gegner
Auch in den Regionen, in denen der Betrieb inzwischen reibungslos funktionierte, hätte es zumindest einen langen Atem erfordert, um zum ernstzunehmenden Konkurrenten der Post aufzusteigen. Denn nach wie vor tragen die Zusteller der Post neunzig Prozent der Briefe aus. Für Pin blieb bislang lediglich, was der gelbe Riese nicht schaffte. Beispiel München: Ein Postbote marschiert hier in aller Regel ein Gebiet mit 50 Hausnummern ab und verteilt pro Schicht rund 2000 Briefe. “Unser Gebiet ist mit 400 Hausnummern rund achtmal so groß”, stöhnt ein Pin-Austräger, und fügt mit einem Unterton von Sarkasmus hinzu: “Dafür ist unsere Fracht mit rund 200 Briefen nicht so schwer”. Gleiches weiß auch ein Pin-Zusteller aus der Nähe von Köln zu berichten. “Manchmal bin ich für drei oder vier Briefe noch einen Ort weiter gefahren.”
Kaum anzunehmen, dass sich an dieser Auftragsverteilung so schnell etwas geändert hätte. Denn in vielerlei Hinsicht kann Pin mit dem Service der Post nicht mithalten, etwa, wenn es um die Zugänge zu den Briefkästen geht, die nicht selten hinter verschlossenen Haustüren hängen. Post-Briefträger verfügen inzwischen in den allermeisten Fällen über einen Haustürschlüssel, Pin-Zusteller dagegen nur in Einzelfällen - im Endeffekt erwächst daraus ein extremer Wettbewerbsnachteil, weil kaum ein Briefversender das Risiko eingehen will, dass seine Post nicht zugestellt werden kann, wenn in dem betreffenden Haus niemand die Tür öffnet. “Ein Problem, das mit zunehmenden Bekanntheitsgrad kleiner wird”, erklärt Simon dazu.
Hinzu kommt, dass bei der derzeit geringen Auftragslage ein flächendeckendes Netz von Zustellern extreme Kosten verursacht - ein Grund dafür, dass Pin selbst in Ballungsräumen den Mut zur Lücke aufbringen muss. Ganze Gruppen von Postleitzahlen würden von vornherein aussortiert und anschließend zum Konkurrenten Post verfrachtet, berichtet ein Depot-Mitarbeiter: “Wir hatten einfach nicht genügend Leute, die das riesige Gebiet hätten abdecken können.” Der Rabatt, den die Post für vorsortierte Post einräumt, musste also oft genügen, um die bis dahin angefallen eigenen Kosten zu decken.
Gute Chancen für niedrigeren Mindestlohn
Zuletzt hatte Pin auch im eigenen Hause nicht eben den Rückhalt, der für den Aufbau eines solch schwierigen Geschäfts notwendig gewesen wäre. So hätten Springer-Vize Knepper und Pin-Vertriebschef Böhrs dafür geworben, den Zeitungsvertrieb für “Bild” und “Die Welt” auf Pin zu übertragen, heißt es aus Verlagskreisen. Die verantwortlichen Vertriebsmanager hätten dies jedoch verhindert. Die Folge: Noch heute wird jede Zeitung aus dem Hause Springer von der Post zugestellt.
Zu allen Überfluss bemüht sich der Verband Neue Brief- und Zustelldienste gerade, das zentrale Argument Döpfners - den prohibitiv hohen Mindestlohn - gegenstandslos zu machen. Heute morgen nämlich lieferte ein Kurier einen Antrag im Bundesarbeitsministerium ab, der nach SPIEGEL-Informationen die Einführung eines eigenen Mindestlohns für die Zusteller der Mitgliedsunternehmen vorsieht - im Westen 7,50 Euro und im Osten 6,50 Euro pro Stunde. Das wäre exakt die Lohnhöhe, die der Springer-Chef als noch vertretbar erachtet.
Das Argument: Unternehmen wie Pin und TNT erbringen “qualitativ höherwertige” Dienstleistungen, die nicht mit denen des normalen Briefalltagsgeschäfts der Post vergleichbar sind - etwa die Zustellung am selben Tag oder zu einem genau vereinbarten Termin. Auch die Sendungsverfolgung gehört nicht zum Standardangebot der Post.
Nach Ansicht von Experten stehen die Chancen für den Antrag gar nicht schlecht. Eine Branche der Mehrwertbriefdienste ist nämlich eigens von der für den Postmarkt zuständigen Bundesnetzagentur anerkannt. Und auch die formellen Kriterien, wie Tarifvertrag und 50-Prozent-Klausel, die von der Union in der Vergangenheit als Bedingung für die Aufnahme weiterer Branchen genannt worden waren, sind erfüllt.
Von dem Antrag wusste Döpfner, das räumt ein Springervertreter inoffiziell ein.
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